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Affichen, Plakate oder Anschlagzettel. Etwas (an-)schlagen, jemanden anstiften
...
von Markus
Bundi
Es gibt keine Affichen mehr es gibt
Flyer. Ausgehängt wird trotzdem noch. Mit Plakaten werden ganze
Städte verklebt. Die Reizüberflutung gehört zum Alltag,
Ebbe ist eine Reminiszenz der Natur, Bewusstsein ein altes Wort, Musse
ein Relikt.
Eine Affiche ein Anschlag. Das
ist gewiss nicht in, also nicht trendy, nur bedingt political correct.
Worte dürfen keine Aufmerksamkeit fordern. Und schon gar nicht
irritieren! Entertainment, klar, das lassen wir uns gefallen, dazu
aber bitte nicht zu konzentriert Informationshäppchen über
die jüngsten Entwicklungen im Irgendwo, über den verbesserten
Motor im Ferrari, über die Bundesfinanzen ...
Bitte keine Anmache, ja, und wenn,
dann tut' s ein SMS oder eine E-mail, meinetwegen, aber keine Inhalte,
nur keine Inhalte, geschweige denn Botschaften. Ich bin kein Adressat,
weder für Ideologien noch für moralische Winke, und überhaupt:
ich habe genug eigene Probleme. Ich habe alles vernommen, danke. Ich
weiss, dass Rauchen meine Gesundheit gefährdet, ich weiss, dass
die Tibeter unterdrückt werden, dass wir unsere Luft mit anhaltender
Ignoranz verpesten, dass die Reichen immer reicher werden ... und:
ich kann's nicht mehr hören!
Jean-Marc Seiler hat 129 Affichen
gemacht. 129 Anschläge minutiös geplant, gestaltet umgesetzt. Keine
Frage, da will sich einer mit aller Gewalt unbeliebt machen. Masst
sich einer tatsächlich an, er hätte noch was zu sagen! Ha!
Das ist alles andere als nett,
der Konsumentenschutz muss umgehend intervenieren! Amnesty International
sollte sich einschalten, denn da fordert einer zum Denken auf, zum
Nachdenken gar das ist fraglos ein ernsthafter Verstoss gegen die Menschenrechte!
Unsere Lethargie ist uns heilig, und wer etwas anders, überhaupt
etwas predigt, soll das gefälligst im stillen Kämmerlein
tun, die eigenen Kinder damit malträtieren oder sich in Selbstgesprächen
verdingen, aber keinesfalls, unter gar keinen Umständen uns mit
irgendwelchen Parolen, Statements oder was weiss ich für Nachdenklichkeiten
behelligen. Wir haben weiss Gott genug für unsere Teilnahmslosigkeit
getan. Wir haben uns unsere Tabus sorgfältigst ausgewählt
und wer dagegen angeht, ist im Mindesten unzeitgemäss.
Aber selbst der konsequenteste
Zyniker muss atmen, sich ernähren und er will leben. Die grossen Worte
sind uns allen längst über den Kopf gewachsen, auch wenn
wir noch eine Ahnung von ihren Bedeutungen haben, von „Gerechtigkeit“ träumen
und in schwachen Momenten nach „Wahrheit“ verlangen.
Die Welt ist anders, die Menschen sind gnadenloser denn je, der eigene
Vorteil, sprich Profit, ist omnipräsent. „Gehet hin und
verhindert Euresgleichen“ fordert Jean-Marc Seiler in einer
seiner Affichen; eine alte Schrift, die an die Bibel gemahnt, gelb,
als wäre sie vergilbt, auf schwarzem Grund. Nietzsche hätte
wohl zustimmend genickt.
Da hinterfragt einer die Menschen,
genauer den Einzelnen, formuliert rhetorische Fragen, äussert
Vermutungen und setzt Behauptungen in die Welt. Dabei beschränkt
sich Seiler auf das Wesentliche, spitzt seine Affichen zu mit einer
eigenen Lakonie, erzeugt dabei Bilder, typografische Kompositionen,
die zwischen Bösartigkeit und Hilfeschrei oszillieren. Die Farben
sind mit Bedacht gewählt: Ein unnatürlicheres, giftigeres
Grün als jenes, das der Künstler als schiefe Unterlage für
den Satz „ES KÖNNTE WAS SCHIEF GEN!“ gewählt
hat, lässt sich nicht finden. Dass es dabei nicht nur mit den
Buchstaben bergab geht, liegt in der Erforschung dieser Sache, die
sich mehr und mehr von der Natur entfernt da mag das rote Ausrufezeichen
noch so leuchten ...
Farbe, Form, Inhalt. Es ist die
Wechselwirkung, die der Künstler im Blick hat. Die adäquate Schrift für
einen bestimmten Inhalt, die einzig mögliche Kombination der Farben,
die das „Bild“ ganz machen. Ob im einzelnen Fall die
Grafik, die Farb- oder Schriftwahl oder eben der Inhalt die Hauptrolle
spielt, ist nicht zu entscheiden, es ist nie das eine oder andere,
sondern immer das Arrangement, das Gesamte, welches den Betrachter
stutzig macht.
Den Menschen ein- oder beklagen,
Aufmerksamkeit erzwingen und Reflexion einfordern, pädagogisch gesprochen: das
Individuum wachrütteln ... ja, das ist verpönt. Den Einzelnen
ansprechen, ihn anzuschlagen, ist ein ungeheuerliches Unterfangen.
Aber nichts anderes tut Jean-Marc Seiler. Er gehört fraglos zu
den unrettbar Unverbesserlichen, zu denen, die der lokalen wie globalen
Anpassung trotzen, pathetisch gesprochen: zu den letzten Menschen.
Das oberflächliche Gerede ist ihm ein Dorn im Auge, er weiss: „Wir
sollten öfters miteinander schweigen.“ Das Verb „schweigen“ ist
dabei um einiges kleiner gedruckt als die vorangehenden Worte; wer
nicht nahe genug herangeht, übersieht es.
Jean-Marc Seilers Affichen suchen
nichts anderes als Nähe und Intimität sie funktionieren nicht ohne
Betroffenheit. Ein Anschlag ist dann erfolgreich, wenn er etwas bewirkt.
Diese 129 Affichen finden allein im Kopf des Betrachters zu ihrem Sinn,
in seiner Bereitschaft zur Auseinandersetzung, zum Nachdenken schlechthin.
Eilfertige Konsumentinnen und Konsumenten seien hiermit ausdrücklich
gewarnt: diese Affichen dienen weder der Wohlfahrt noch der Bequemlichkeit
sie meinen dich.

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