Begegnungen mit Autorinnen und Autoren in Wort und Bild


Ernst Schlatter
Anzeiger des Bezirkes Affoltern a/A - 14. Dezember 2002


Zur Fotoausstellung von Andreas Wolfensberger im
Forum für Fotografie in Hedingen

Seit dem 16. November ist im Forum für Fotografie an der Tannbühlstrasse 1 in Hedingen eine bemerkenswerte Porträt-Serie des bekannten Winterthurer Fotografen Andreas Wolfensberger zu sehen. Zusätzlich findet an jedem Sonntag um 15 Uhr eine Lesung einer Autorin/ eines Autors statt. Am vergangenen Sonntag las die junge Lyrikerin Sabine Wang.

Der bekannte Reportage-Fotograf Andreas Wolfensberger zeigt in Hedingen Porträts von Schriftstellerinnen und Schriftstellern (die meisten aus der Schweiz), denen er in den letzten Jahren begegnet ist. Begegnet im wirklichen Sinn des Wortes: Er hat sich jeweils auf die zu porträtierenden Personen eingelassen, hat viele Stunden mit ihnen verbracht, ein Stück Alltag mit ihnen geteilt und dabei fotografiert.

Aus den vielen entstanden Fotos hat er für diese Ausstellung pro Autorin - oder Autor meistens ein einziges Bild ausgewählt, das nun für das Charakteristische der Persönlichkeit steht. Wer die jeweiligen Autoren aus den Texten kennt, wird überrascht sein, wie die Bilder von Wolfensberger zutreffend sind; das heisst, dass die gewählte Pose, die Umgebung, die Landschaft, das Lokal, in dem die Schriftsteller erscheinen, ihren Sprachlandschaften, ihrem Sprachduktus entsprechen.

Andreas Wolfensberger hat schon vor dreissig Jahren für die Zeitschrift 'DIE FRAU' Städterundgänge mit Schweizer Autoren unternommen: Mit Hans Bösch in Aarau, Beat Brechbühl in Rapperswil, Dieter Fringeli in Basel, Jörg Steiner in Biel, Gerhard Meier in Burgdorf und E.Y. Meyer in Bern. Oder vielleicht erinnert man sich an die Sonderausgabe der 'Schweizer Illustrierten', in der ausländische, in der Schweiz wohnende Schriftstellerinnen und Schriftsteller porträtiert wurden. Die Aufnahmen dazu stammen mit wenigen Ausnahmen alle von Andreas Wolfensberger.


Reisen und Fotografieren mit dem Fokus auf den Menschen

Der 1942 geborene, heute in Winterthur wohnhafte, freischaffende Fotograf hat 1972 sein eigenes Atelier mit einer Aussstellung über Clowns eröffnet. Viele Reisen führten ihn immer wieder weg aus der Beschaulichkeit der Schweiz: Reisen durch Polen, Ungarn, Bulgarien, Jugoslawien (noch in den schwierigen Jahren zwischen 1967 und 1975), Irland, Holland, Frankreich, Deutschland, Österreich, Finnland, Norwegen und Dänemark, später dann nach Kanada, New York (1979 -1980) und durch Armenien prägen seine Arbeiten stark. 1989 erhielt er eine Anerkennungsgabe der Stadt Winterthur für sein fotografisches Werk; 1993 ermöglichte ihm die Stadt Winterthur, Pro Helvetia und die Konferenz der Schweizer Städte für Kulturfragen einen Werkaufenthalt in Shabramant bei Kairo, dem die Ausstellung 'Ein Weg zu den Pyramiden' in Kairo, Winterthur und Bern folgte.

In den Jahren 1998-2000 dokumentierte er die Winterthurer Literatur Wochen. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er Teilzeit beim Winterthurer Landboten, so dass ihm noch genügend Zeit für sein eigenes, freies Schaffen bleibt.

Sabine Wang: Jung-Autorin mit taiwanesischen Wurzeln

Sabine Wang ist die Tochter eines taiwanesischen Vaters und einer Schweizer Mutter. Sie ist zwar im appenzellischen Speicher aufgewachsen und hat das Lehrerseminar in Kreuzlingen besucht. Doch schon in ihrem ersten Lyrikband 'Das Land in mir' beschreibt die junge Autorin in schnörkellosen, ausdrucksstarken Bildern das Land ihres Vaters. Es scheint, als ob Sabine Wang auf der Suche nach diesem fernen Vaterland dabei wäre, ihre zweite Heimat zu entdecken.

Auch bei ihrer Lesung in Hedingen las die 29-jährige Autorin Texte, welche in einem Studienjahr in Taiwan entstanden sind. Sie hat 1995 an der Universität Zürich ihr Chinesisch-Studium begonnen und konnte mit einem Stipendium im Jahr 2000 längere Zeit in ihrem Vaterland verbringen.

. . wie Cancan auf Zelluloid

Ihre beim ersten Hören fast prosaartigen, neueren Gedichte sind geprägt von einer scharfen Beobachtungsgabe, die aber immer 'das Zweifache der Dinge' mit einbeziehen: Die platzregenartigen Eindrücke einer ostasiatischen Grossstadt zum Beispiel sind die Auslöser und Inspirationsquellen für ihre Texte: Geräusche, Gerüche, Gesichter machen Worte frei, die weit über das Deskriptive hinausweisen: 'Filme, die Tränen ähnlich werden, wie Cancan auf Zelluloid'

So auch in ihrem zum Schluss gelesenen Text 'Im Menschenaffenhaus' (Zürcher Zoo): Ihre Beschäftigung mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen hat sie darauf gebracht, die Menschenaffen zu beobachten und eben auch die Menschen, welche sich im Affenhaus befinden - Und diese Beobachtungen, das ist wohl die Knochenarbeit der Lyrikerin - verdichtet sie so stark, dass ein Lautbild entsteht, das beim Hörer oder Leser wiederum eigene Bilder auslöst.

Mit ihrem nun beinahe abgeschlossenen zweiten Gedicht-Zyklus geht sie auf Verlagssuche, keine einfache Sache in der heutigen Zeit. Wir wünschen der hochbegabten Lyrikerin viel Glück!

Weitere Begegnungen mit Autoren

Die Ausstellung 'Begegnungen mit Autorinnen und Autoren' im Forum für Fotografie an der Tannbühlstrasse 1 in Hedingen dauert noch bis zum 22. Dezember; sie ist ebenfalls am Sonntag, 15. Dezember von 11-17 Uhr offen und der Fotograf Andreas Wolfensberger wird anwesend sein. Ebenso anlässlich der Finissage vom 22. Dezember. Dann wird der Kinderbuchautor und Liedermacher Bruno Hächler um 15 Uhr auftreten.