Siegen ist pervers
Plakatives zur Eigendynamik etablierter Wahrnehmungen
Jean-Marc Seiler stellt 129 Affichen aus

Ernst Schlatter
Anzeiger des Bezirkes Affoltern a/A - 16. Mai 2001


Affichen sind Plakate oder Anschlagzettel - im Zeitalter der 'Flyers' schon fast antiquiert, könnte man denken. Jean-Marc Seiler, der Zürcher Grafiker und Künstler hat während der letzten drei Jahre 129 solcher 'provokativen Anschläge' gemacht und zeigt sie nun erstmals gesamthaft im Forum für Fotografie in Hedingen. Diese aussergewöhnliche Ausstellung ist noch offen bis Sonnatg, 10. Juni 2001, jeweils sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Eine Affiche - ein Anschlag, das ist gewiss nicht 'trendy' und nur bedingt 'political correct'. Worte dürfen doch keine Aufmerksamkeit fordern. Und schon gar nicht initieren! Enter-tainement, klar, das lassen wir uns gefallen, dazu einige Informationshäppchen über die jüngsten Entwicklungen irgendwo, über die neuesten Modetrends, über die Bundesfinanzen . . . aber bitte nicht zu konzentriert.

Unzeitgemässe Anschläge
Jean-Marc Seiler aber hat 129 Affichen, gemacht, 129 Anschläge minutiös geplant, gestaltet und umgesetzt. Keine Frage: Da will sich einer mit aller Gewalt unbeliebt machen. Masst sich einer tatsächlich an, er hätte noch etwas zu sagen!

Da hinterfragt einer die Menschen, genauer die Einzelnen, der sich den Anschlägen stellt, formuliert rhetorisch Fragen, äussert Vermutungen und setzt Behauptungen in die Welt.

Typografische Meisterwerke
Dabei beschränkt sich Seiler auf das Wesentliche und erzeugt dabei Bilder, typografische Kompositionen, die zwischen Bösartigkeit und Hilfeschrei oszilieren. Die Farben sind mit Bedacht gewählt. Farbe, Form, Inhalt: Es ist die Wechselwirkung, die Seiler im Blick hat. Die adäquate Schrift für einen bestimmten Inhalt, die einzig mögliche Kombination der Farben, die das Bild ganz machen.

Unverbesserlicher Mahner
Jean-Marc Seiler gehört fraglos zu den Unverbesserlichen, zu denen, die der lokalen wie der globalen Anpassung trotzen. Das oberflächliche 'Partygeplauder' ist ihm ein Dorn im Auge. Er schreibt den auch: Wir sollten öfter miteinander 'schweigen'. Das Verb 'schweigen' ist um einiges kleiner gedruckt als die vorangehenden Worte: wer nicht nahe genug herangeht, übersieht es . . .

Die Ausstellung in den hellen Räumen des Forums für Fotografie in Hedingen ist jeweils sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Ebenfalls im Forum zu beziehen ist das Buch zur Ausstellung 'Siegen ist pervers', das in einer limitierten Auflage von 129 nummerierten und signierten Exemplaren erschienen ist.