| FotoTheorie Für
eine Philosophie der Fotografie Der Kampf der Schrift gegen das Bild, das Geschichtsbewusstseins gegen die Magie, kennzeichnet die gesamte Geschichte. Mit dem Schreiben kam eine neue Fähigkeit ins Leben, die das begriffliche Denken genannt werden kann und darin besteht, Linien aus Flächen zu abstrahieren, das heisst: Texte herzustellen und diese zu entziffern. Begriffliches Denken ist abstrakter
als imaginatives, denn es abstrahiert aus den Phänomenen alle
Dimensionen mit Ausnahmen der Geraden. So hat sich der Mensch mit der
Erfindung der Schrift noch einen weiteren Schritt zurück von der
Welt entfernt. Texte entziffern die Welt, sie bedeuten die Bilder,
die sie zerreissen. Texte entziffern heisst folglich, die von ihnen
bedeuteten Bilder zu entdecken. Die Absicht der Texte ist, Bilder zu
erklären, die der Begriffe, Vorstellungen begreifbar zu machen.
Texte sind demnach ein Metacode der Bilder. Die Texte erklären zwar die
Bilder, um sie wegzuerklären, aber die Bilder illustrieren auf
die Texte, um sie vorstellbar zu machen. Das begriffliche Denken analysiert
zwar das magische, um es aus dem Weg zu räumen, aber das magische
Denken schiebt sich ins begriffliche, um ihm Bedeutung zu verleihen. Das aber ist nicht alles. Die
Schrift selbst ist eine Vermittlung - ganz wie die Bilder -, und sie
ist der gleichen inneren Dialektik unterworfen. Sie steht somit nicht
nur im äusseren Widerspruch zu den Bildern, sondern sie ist auch
von einem inneren Widerspruch zerrissen. Ist es die Absicht der Schrift,
zwischen den Menschen und seinen Bildern zu vermitteln, so kann sie
die Bilder auch verstellen, anstatt sie darzustellen, und sich zwischen
den Menschen und seine Bilder schieben. Geschieht dies, dann wird der
Mensch unfähig, seine Texte zu entziffern und die ihnen bedeuteten
Bilder zu rekonstruieren. Werden aber die Texte unvorstellbar, bildlich
unfassbar, dann lebt der Mensch in Funktion seiner Texte. Die Texte werden dann in die Welt
dort draussen projiziert und man erlebt, erkennt und wertet die Welt
in Funktion dieser Texte. Ein besonders beeindruckendes Beispiel für
die Unvorstellbarkeit der Texte bietet heute der Diskurs der Wissenschaften. Werden Texte jedoch unvorstellbar, dann gibt es nichts mehr zu erklären, und die Geschichte ist am Ende. In dieser Krise der Texte wurden
die technischen Bilder erfunden: um die Texte wieder vorstellbar zu
machen, sie magisch aufzuladen - um die Krise der Geschichte zu überwinden.
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